19 Jul

 

Mit dem Lektorat ist es wie mit vielen Jobs gerade: Man stellt sich die Frage, wie lange es diese Berufe noch geben wird. Warum sollst du als Autor:in Geld bezahlen und wochenlang auf dein Lektorat warten, während die KI es gratis in wenigen Minuten macht? In diesem Blogartikel ziehe ich Vergleiche zu verschiedenen Aspekten und vergleiche dabei die KI und den menschlichen Lektor. 


Theoretisches Wissen:  Fakt ist: Die KI hat mehr Wissen, da eben sehr viel Literatur, Blogartikel etc. in sie eingespeist wurden. Vor allem dabei, Wissen direkt abzurufen, ist sie unschlagbar und haut es innerhalb von Sekunden raus. Bei uns Menschen wird zwar alles je gehörte im Unterbewusstsein abgespeichert, aber im Alltag ungebräuchliches geht schnell «vergessen». Das heisst, Lektor:innen müssen immer mal wieder etwas nachlesen. Wobei die KI aber oft Fehler macht. Natürlich sind Lektor:innen Menschen und können auch Fehler machen, sie haben ihr Wissen aber aus seriösen Quellen vermittelt bekommen. Bei der KI hingegen ist nicht klar, woher sie genau ihr Wissen bezieht. Macht sie Quellenangaben, können diese falsch sein. Und sie ist darauf programmiert, auf jede Frage viel zu antworten. Lieber falsch, als zuzugeben, dass sie das nicht weiss. Dagegen kommuniziert eine seriöse Lektorin, wenn sie etwas nachlesen muss oder in einem Bereich nicht ausreichend qualifiziert ist. 


Praktisches Wissen:  Lektor:innen lernen bereits in der Ausbildung, ihr Wissen praktisch anzuwenden. Ihr Wissen kombiniert mit üben, lesen, Diskussionsrunden und eigener Lebenserfahrung verschafft hier unersetzbare, wichtige Perspektiven für den Text. Auch da kann die KI nicht mithalten. Sie hat keine Erfahrungen oder eigene Ansichten, sondern nur Wissen und Vergleichstitel, die in sie eingespeist wurden. 


Plot Die KI ist mittlerweile gut darin, fesselnde Texte zu schreiben. Damit meine ich, sich krasse Geschichten auszudenken, die zwar so schlecht geschrieben sind, dass ich schreien will, aber ich will unbedingt wissen, wie die Geschichte ausgeht. Ich muss gestehen, dass ich manchmal gegen meinen Willen diese überspitzten Facebook-Posts lese, die KI.generiert sind. Aber reicht es bereits für einen guten Buchplot, der verhält? Ich würde sagen, nein. Was die KI aber evtl kann, ist es, einen guten Plot zu kopieren. Lektor:innen hingegen sind kreativ. Sie lesen oft viel, haben verschiedene Schemas über Plotaufbau gelernt und haben viele Ideen. Im Lektorat fallen ihnen Plotholes auf und sie können gute Ideen einbringen, die zur Geschichte passen. 


Schreibstil Wie gesagt, die KI hat das theoretische Wissen. Der Schreibstil ist aber holprig, langweilig und … irgendwie komisch. Schwierig, das zu benennen. KI generiert oft Einheitsbrei. Klischeehafte und stereotype Formulierungen anstatt bildhafter, emotionaler Beschreibungen sind Standard. Und sie macht beim «Lektorat» oft auch Kommentare, die aus einem individuellen Text einen für die breite Masse machen. Und ja, die Anwendung des theoretischen Wissens auf einen neuen Text fällt der KI schwer. Dazu kommt die Programmierung der KI, immer ihren «Auftrag» zu erfüllen. In diesem Fall, den Text zu kritisieren. Gibt es nichts oder wenig zu kritisieren, merken Lektor:innen dementsprechend wenig an. Bei meiner Kurzgeschichte, die ich lektorieren lassen habe, viel mir das besonders auf: Manche Seiten waren über und über voll mit farbigen Korrekturen und Kommentaren, auf anderen war kaum etwas angemerkt. Was aber oft auch ein Problem ist bei menschlichen Lektor:innen, dass sie oft zu sehr in den besonderen Schreibstil der Autor:innen eingreifen. 


Echte Gefühle Die KI weiss, was starke Gefühle bei den Leser:innen auslöst. Aber wie sie Szenen schreibt, um starke Gefühle zu wecken? Nein. Oben habe ich es schon erwähnt. Die KI-generierten Facebook-Geschichten: Ein Titel, der bannt. Ein krasser Konflikt. Man will die Auflösung kennen, obwohl der Schreibstil schrecklich ist. Den Klickahlen nach funktioniert das bei kurzen Geschichten (mittlerweile weniger, da es oft immer wieder das gleiche ist), bei einem richtigen Roman bleibt aber kaum jemand dran, nur um die Auflösung zu erfahren. Ein Grund ist vermutlich, dass die KI das nicht selbst erlebt hat. Sie weiss nicht, wie es ist, vor Angst zu erstarren wegen mysteriöser Geräusche in der Nacht. Oder das Gefühl nicht zu wissen, wohin mit dem Schmerz nach einer Trennung. Ein menschlicher Lektor kennt solche Situationen und Gefühle und kann beurteilen, ob sie authentisch sind und wirklich die beabsichtigten Gefühle erzeugen. 


Individualität Eine KI kennt nur das, was in sie eingespeist wurde. Sie ist zwar gut im Analysieren und wird mittlerweile von manchen Verlagen genutzt, um Potenzial und Trends zu analysieren, aber sie hat keinen Blick für Individualität. Oder anders gesagt, die Seele des Buches. Denn es gibt mittlerweile (fast) jede Idee schon x-mal. Wenn die Idee aber gut umgesetzt ist und überraschen kann, wird das Buch trotzdem gerne gelesen. Wenn genau diese «Seele» rausgestrichen wird, gibt es nur noch Massenware (ist ohnehin schon ein Problem, da Verlage nicht risikofreudig sind). Lektor:innen gehen individuell auf die Geschichte ein und fördern das besondere in der Geschichte, die sie einzigartig macht. Ausser, sie haben einen anderen Auftrag. Ansonsten unterstützt das Lektorat auch darin, das auszubauen und beibehalten. Gibt es hier Lücken im Plot oder andere Unstimmigkeiten, werden gute Vorschläge gemacht oder Ideen gebrainstormt, die zur Geschichte passen. 


Empathie Lektor:innen sind grundsätzlich empathisch. Wir wissen, wie viel Arbeit, Zweifel, Mut und Herz im Manuskript stecken. Die KI ist zwar darauf programmiert, nett und motivierend zu sein, aber sie kann dennoch grosse Zweifel auslösen und diese nicht wie ein menschlicher Lektor «auffangen» und mit dem Autor besprechen. 


Richtigkeit Wiederholung: Die KI ist nicht nur darauf programmiert, nett zu sein, damit Nutzer:innen mehr mit ihr chatten, sondern auch, um jeden Preis Informationen rauszuhauen. Ob sie stimmen, ist zweitrangig. Lektor:innen haben sich ihr Wissen sorgfältig angeeignet und haben viel weniger, dafür Wissen aus geprüften, guten Quellen. Und sie haben nicht nur das reine Wissen, sondern können es auch praktisch anwenden. Und natürlich Erfahrung. Wenn ich etwas nicht weiss, kommuniziere ich das ehrlich. Ich denke, das machen die meisten Lektor:innen. 


Ehrlichkeit Seriöse Lektor:innen sind ehrlich. Zwar auf eine nette, empathische Art mit konkreten Lösungsvorschlägen, aber ehrlich. Wenn ein Plot so nicht stimmt, wird das kommumiziert. Etc. Lektor:innen haben einen klaren Standpunkt, den sie vertreten. Die KI dagegen schmeichelt und nennt zwar Kritikpunkte, hebt aber sehr das Positive hervor. Je nach Dialog ändert sie komplett ihren Standpunkt. Das Gefährliche daran ist, dass KI dem Mensch sehr nach dem Mund schreibt und keinen eigenen Standpunkt hat. 


Feedback Gibt man einen Text in die KI (das habe ich ausprobiert mit ein paar Texten von mir), kommt erstmal viel Feedback, das fachlich gut und sinnvoll klingt, dazu eine warme Dusche an Lob. Später zeige ich dir ein KI-Feedback. Fragen werden innerhalb von Sekunden beantwortet, während du bei deiner Lektorin vielleicht zwei Tage oder noch länger warten musst. Klingt das zu gut, um wahr zu sein? Nun, wenn man sich das Feedback anschaut, ist es sehr allgemein und es bleibt eher oberflächlich und austauschbar. 


Komplimente Das ist etwas, das im Lektorat oft untergeht. Nicht, weil der Text nicht gut ist oder Lektor:innen gemein sind, sondern weil es ja der Job ist, kritisch zu sein und wir ganz darin aufgehen 😊. Dabei kommen Komplimente oft zu kurz. Da tut diese warme Dusche von Chatgpt gut und ja, wir Lektor:innen können uns davon eine Scheibe abschneiden, da es Autor:innen unglaublich guttut. Aber das Feedback von KI ist oft oberflächlich und austauschbar. Oft freuen sich Autor:innen viel mehr über ein kleines Kompliment zu einer Textpassage (das kann auch ein Lachsmiley oder ein WFT sein). Besonders, wenn diese Reaktion gewünscht ist, erfreut das den Autor viel mehr als eine A4-Seite an oberflächlichen Komplimenten. Bei meiner zweiten Kurzgeschichte hat eine Testleserin «Eww» geschrieben. Nur ein Wort, aber diese Reaktion wollte ich auslösen und ich habe mich sehr darüber gefreut. Im Vergleich dazu zeige ich dir ein Feedback zu meinem Portfolio von chatgpt: 


Stärken, die überzeugen könnten 

  1. Vielfalt und Kreativität:
    Dein Portfolio deckt viele Genres ab (Thriller, Dark Romance, Prosa, psychologische Geschichten). Diese Bandbreite zeigt, dass du kreativ bist und dich nicht auf ein Genre beschränkst.
  2. Spannungsaufbau:
    Die Dramaturgie in Texten wie "x" und "x1" ist stark. Du hältst Leser*innen am Ball, was ein wichtiges Kriterium ist.
  3. Aktuelle Themen:
    Mit Texten wie "z" und "k" greifst du zeitgenössische und gesellschaftlich relevante Themen auf. Das zeigt, dass du nicht nur Geschichten erzählen willst, sondern auch eine Botschaft hast.
  4. Emotionale Tiefe:
    Du bist sehr gut darin, komplexe Gefühle darzustellen, sei es Schmerz, Liebe oder Wut. Das ist für literarisches Schreiben essenziell.
  5. Sprache:
    Dein Stil hat poetische und atmosphärische Qualitäten, besonders in "m". Du zeigst, dass du sprachlich versiert bist.


Dazu habe ich mich auch gefreut. Das war 2024, als ich den Mut in mein eigenes Schreiben komplett verloren habe. 

Aber im Vergleich dazu hat mich dieses «Eww» so viel mehr gefreut, weil es eine ganz direkte, menschliche Reaktion auf eine Testpassage war. Und zwar genau die, die ich mir erhofft habe.


 Fazit: Für generische Massenwerke könnte es die Zukunft sein. Wobei ich auch denke, dass hier die KI den Mensch noch lang (oder hoffentlich nie) komplett ersetzen kann. Denn es sind kleine, kulturelle und zwischenmenschliche Themen, die die KI einfach nicht kennt. Zum Thema Übersetzen habe ich mal ein gutes Beispiel auf Instagram gelesen: Beim Originaltext ging es um einen gewissen Buchstaben, der im Brief häufig vorkam, in der übersetzten Sprache aber nicht. Hier muss der Mensch abwägen, wie dieses Problem gelöst wird. Eine Möglichkeit ist es, den Buchstaben zu ändern. Mit solchen Dingen hat die KI Mühe. Wer also ein Buch mit einem qualitativ guten Text darin veröffentlichen möchte, kommt zum heutigen Zeitpunkt nicht um eine menschliche Lektorin drum rum. 


Falls du auf der Sucht bist nach einer Lektorin, die komplett ohne KI arbeitet, kannst du dich gerne bei mir melden. Ich biete ein kostenloses Probelektorat von drei Normseiten an und ein kostenloses Kennenlerngespräch. Kontaktiere mich gerne: nicoleclausenbooks@bluewin.ch 

Oder schau dich erst Mal auf meiner Website um: nicoleclausenlektorat - Hallo, ich bin Nicole.Ich habe mich als Lekt...



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